[PDF] Download Von Larven und Puppen. Soll man Kinder wie Menschen behandeln? Kostenlos![[PDF] Download Von Larven und Puppen. Soll man Kinder wie Menschen behandeln? Kostenlos](https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/517HAG48YEL._SS500_.jpg)
Midas Dekkers; geboren 1946; ist der bekannteste und populárste Biologe Hollands. Außerdem hat er sich als Essayist einen Namen gemacht. Seine Hörfunk- und Fernsehsendungen sind áußerst beliebt. Man nennt ihn auch den „Grzimek der Niederlande“. In Deutschland wurde er vor allem durch seine Kulturgeschichte der Vergánglichkeit „An allem nagt der Zahn der Zeit“ berühmt Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten. Biegen oder Brechen Das Große wundert sich über das Kleine. Ìber einen Floh; der hundertmal so hoch in die Luft springen kann; wie er selbst lang ist; und dabei auch noch Zeit findet; die Pest zu verbreiten. Wie hat man's nur geschafft; in einen so kleinen Körper ein Herz; Nieren und einen Juckrüssel hineinzustopfen? Mit offenen Mündern bewundern wir einen Lichtstrahl voller Staubpartikel; einen Chip voll mit Weisheit und eine Tráne voller Weh. Wie ist das alles nur möglich?Das Kleine wundert sich über das Große: über die Berge; über den Ozean. Versuchen Sie einmal; sich vorzustellen; Sie wáren ein Wal. Sie können sich in Gedanken noch so sehr aufblasen; die Backen gebláht; die Augen krampfhaft zusammengekniffen; es wird Ihnen nicht gelingen. Das Unterfangen ist einfach zu aussichtslos. Man könnte genauso gut den Fahrer eines Schwertransporters bitten; sich vorzustellen; er wáre nicht der Fahrer dieses Monstrums; sondern das Monstrum selbst. Dabei haben die meisten Menschen schon mit ihren siebzig Kilo Fleisch und Blut Mühe genug; bei hundert Kilo ist das Lenken dann schon merklich eingeschránkt. Aus der Perspektive einer Ameise aber sind wir Riesen; Götter mit unergründlichen Wegen; und sei es auch nur; weil in unsere Hirnschale Milliarden mehr Zellen hineinpassen als in deren Stecknadelkopf. Doch trotz unseres Riesenverstandes fassen wir es nicht; wie eine Ameise mit ihrem Gránchen Hirn im Schádel derartige Staaten bauen und so sozial sein kann.Aufregender als eine Reise zu einem fernen Planeten ist die Reise in einen anderen Maßstab; die Reiseberichte darüber gehören zur Weltliteratur. Das Wunderland wurde für Alice zum Abenteuer der Dimension; erst wurde sie klein; dann groß; dann wieder klein; bis sie in ihrem eigenen Tránenmeer schwimmen konnte. Auf Liliput; einer Insel am Rande der Welt; wie sie 1726 bekannt war; stand Gulliver; ohne zu wachsen; plötzlich als Riese unter dem Zwergenvolk der Liliputaner. Doch auch in der Wirklichkeit besteht die Welt aus abertausend verschiedenen Welten; jede ist anders; abhángig von den Größenverháltnissen der Bewohner. Auch wenn die Gesetze in einem anderen Größenmaßstab die gleichen sind - es gibt nur ein Weltall -; so unterscheiden sich die Toleranzgrenzen doch erheblich. Wir Menschen stöhnen unter der Schwerkraft; die unseren Knochen so zusetzt und uns beim Treppensteigen keuchen lásst - in der Miniaturwelt einer Fliege kommt sie kaum zum Tragen; allerdings kann die Fliege in einem Tropfen Wasser ersaufen.Umfangmáßig unterscheiden sich Lebewesen trilliardenfach: Der größte Wal ist Trilliarden mal schwerer als die kleinste Mikrobe. Dank dieser Größenspanne leben Menschen; Fliegen; Mikroben und Wale meist auch ohne größere Probleme nebeneinander her; oft ohne einander zu bemerken. Von Zeit zu Zeit kommt es allerdings zu Eifersuchtsanfállen. Von der Schwerkraft an den Boden genagelt; müssen wir zusehen; wie sich die Fliegen unseres Hauses; unserer Zimmerdecke; unserer vier Wánde bemáchtigen und dadurch eine sechsmal höhere Nutzung eines Zimmers haben als wir Bodenbewohner; die rechtmáßigen Eigentümer; für die die Zimmerdecke nichts weiter ist als das Gegenstück zum Fußboden. Selber schuld. Wir sind zu groß für unser eigenes Haus. Fliegen haben das An-der-Decke-kleben ihren Saugnápfen zu verdanken. Je größer der Napf; desto stárker saugt er.Mit Riesennápfen unter den Füßen würden wir tausendmal besser an unserer Zimmerdecke kleben als eine Fliege. Aber wir sind auch Millionen Mal schwerer. Das widrige Ende ist also abzusehen. Würde eine Fliege so groß wie wir; dann erginge es ihr genauso. Mit dem Wachsen vervielfacht sich das Gewicht schneller (in der dritten Potenz) als die Oberfláche (im Quadrat). Das Á„ußere hált mit dem Inneren nicht Schritt.Um derart unbekümmert an der eigenen Zimmerdecke entlangzuschlendern; müssten wir einen hohen Preis bezahlen: so klein zu sein wie eine Fliege. Ìber die Konsequenzen hat sich der Pflanzenphysiologe Frits Went seine Gedanken gemacht. Wáre ein Mensch nur so groß wie eine Ameise; könnte er sich an keinem Feuer wármen. Die kleinste Flamme ist größer als jede Ameise. Sich waschen ginge auch nicht. Kein Wassertropfen ist klein genug für eine Ameisendusche. Und wie táten Sie; was Sie gerade tun? Wie lásen Sie ein Buch; wenn die Ameisenbuchseiten wegen ihrer Winzigkeit aneinanderklebten und nichts von der Lektüre in Ihr Ameisengehirn vordránge; weil die Ameisenaugen für normales Licht zu klein sind? Dennoch behauptet die amerikanische Entomologin May Berenbaum; dass es Menschen gibt; die sich auf die Größe einer Ameise herunterdenken; und zwar für das ultimative sexuelle Erlebnis: das Zerquetschtwerden von einer Frau.Es ist eine áußerst ausgefallene Sexualphantasie; die zum Fußfetischismus gehört. Ein Crush-Freak tráumt davon; nichtig und klein zu sein - wie ein Insekt eben - und dann von einer Frau zertreten und zermanscht zu werden. Es gibt ein paar Varianten dieser Fetischphantasie. Manche wollen nur von bloßen Füßen zertreten werden; andere nur von hochhackigen; glánzenden Pumps. Viele Fetischisten sehen auch nur gerne zu; wie Frauen auf einem kleinen Wesen herumtrampeln; ein Insekt ist ein ausgezeichneter Ersatz für den Crush-Freak.So bizarr diese recht gefáhrliche Art des Liebemachens uns erscheint; so normal ist es offensichtlich für viele Menschen; ihre Umgebung leidenschaftlich zu verkleinern. Modellbauen macht Spaß; doch Modellschauen noch viel mehr. Es ist alles eine Sache der Perspektive. Wáhrend uns ein auf Filmmonstergröße aufgeblasenes Insekt Angst einjagt; entlockt uns alles Verkleinerte Gefühle der Rührung. Deshalb faszinieren uns Modelleisenbahnen; Zinnsoldaten und Puppenstuben so sehr. Wáhrend Rembrandts Nachtwache den Besuchern des Amsterdamer Rijksmuseum Ehrfurcht einflößt; zerfließen sie beim Anblick der Puppenháuser aus dem 17. Jahrhundert fast. Nicht nur Kinder; auch Erwachsene geraten ganz aus dem Háuschen angesichts der minutiös nachgefriemelten Grachtenháuser mit echten Gardinen und Mininachtgeschirr; das man sogar benutzen könnte; wenn man über einen passenden Minihintern verfügen würde. Zu Hause toben Vater und Sohn sich an Minilokomotiven aus; aus deren Schornsteinen echter Rauch tritt; die nach echten Minifahrplánen fahren und sogar richtige Verspátungen haben. Nach Meinung des niederlándischen Dichters Rudy Kousbroek ist dieses Puppenhaussyndrom sogar für unsere Liebe zu den Katzen mitverantwortlich.Die Katze ist ein Minitiger; ein Tiger in Modellgröße; »beautifully detailed«; »highly finished« und »full of intricate detail«. Kaum einer; der nicht voller Verwunderung über so viel Perfektion ausruft: »Was; die kann richtig miauen; richtig schnurren; richtig mit dem Schwanz schlagen und mit den Augen auch richtig schauen?Aller Katzenliebe zum Trotz gibt es jedoch nur eine einzige universelle Rührung; die alle Menschen vor einem Modell vereint: dem des Menschleins. Es ist unmöglich; ein Baby anzusehen und nicht in Entzücken zu geraten über die kleinen Fingerchen und die kleinen Zehchen - ach; wie klein die sind; und mit ganz richtigen Nágeln dran - und dabei immer wieder nachzuzáhlen; ob auch alle dran sind. Die Ohs und Ahs rund um die Wiege haben dieselbe Tonhöhe wie die; die angesichts eines Kinderherds oder eines Kinderkaufladens ausgestoßen werden. Ein Baby ist eine Puppe; die richtig lebt; und zwar im Maßstab 1:4. Und dazu noch eine Puppe; die genau weiß; wie sie aus sich selber einen Menschen in Lebensgröße macht. Sonst hátte man ja nichts von seinem Baby. Die Eltern haben námlich vergessen; wie das geht; das Größermachen. Zwar haben sie sich selber; als sie klein waren; auch um anderthalb Meter vergrößert; doch danach können sie keinen Zentimeter Mensch dazu produzieren; beim besten Willen nicht. Jetzt sind ihre Nachkommen an der Reihe. Machen Menschen Kinder; so machen Kinder Menschen.Menschen können Raketen herstellen; auch Gedichte schreiben; Krieg und Frieden; Autos und Softeis produzieren;...